Weimar featuring Florenz – oder: In der Mitte der modernen Kultur klafft ein Loch

Wanderer kommst Du nach Weimar und Florenz, dann lass Dich von der Kultur in den Bann ziehen! Die Tiefe und die Zeitlosigkeit der Einblicke in die Prinzipien des ewigen menschlichen Daseins beeindrucken hier und dort. Weimar ist die Stadt der deutschen Klassik, Florenz die Stadt der italienischen Renaissance. Beide sind durch die Antike verbunden – im Geist, in der Architektur, in Literatur und Theater, in Skulpturen und Gemälden, in Geschichte und Gedichten, in Städtebau und im Streben genialer Menschen nach Höherem. In Weimar ragen Goethe und Schiller heraus, die Wilhelm von Humboldt mit einander bekannt machte und für die der Bildungsliberale mehr als nur ein konstruktiver Sparringspartner war.


In Florenz sind Michelangelo, Leonardo da Vinci und Botticelli sicht- und greifbar, letzteres natürlich nicht wirklich. Dennoch, wer die Renaissance als Wiederauferstehung antiker Erkenntnis begreifen möchte, der erlebt hier einsichtsreiche Tage. In den Uffizien als zentralem frühneuzeitlichem Verwaltungskomplex, in der Galleria dell’Accademia rund um die 5 Tonnen schwere und doch so lebendig-leichte Monumentalstatue von David, erhaben auch in Bronze auf dem Piazzale Michelangelo hoch über der Stadt, hier ist Kultur zeitlos begreifbar. Unter Kultur verstehe ich das, was der Mensch formgebend gestaltet hat.


In beiden Städten ist der Bezug zur Antike omnipräsent und ein elementarer Bestandteil echter Kultur. Wer sich aus dem Strom der täglichen Nicht-Nachrichten und Fake News öffentlicher und privater Nachrichtenverbreiter herauszuziehen vermag, gewinnt deutlich an Lebensqualität. Die Ablenkung schwindet, die Einsicht in den Menschen als Kultur schaffendes Wesen wächst.


Nachfolgend ein paar knappe persönliche Reisethesen:

1. Spengler war an etwas dran, wie heißt es im Englischen: He was on to something. Der Untergang des Abendlandes als Verlust von Kultur, die der Zivilisation mit „nur“ verbesserten sozialen und materiellen Lebensbedingungen weicht.

Spenglers Geschichtsphilosophie ist Unsinn, es gibt keine historischen Gesetzmäßigkeiten. Seine Empfehlung den „Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden“ zu werfen „wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will“ hat etwas. Das gilt insbesondere dann, wenn Untergang zum Wandel wird, der mit Verlust einhergeht. Einer Blütezeit und Hochkultur weichen Massenunterhaltung und Populärzivilisation. Mit Sorge lässt sich außerdem Spenglers Diktum vom Verfall der Demokratie und der anbrechenden Herrschaft der Populisten und Demagogen in allen Parteien betrachten. Dazu gehört auch die prognostizierte Herrschaft von Diktatoren.


2. Die EU strebt nach Herrschaft – das Ziel ist ein zentralistisch, bürokratisch geführtes Europa einheitlich formierter und verwalteter, letztlich unselbständiger Regionen.

Manchmal sagt ein Blick mehr als viele tausend analysierende Worte. Für mich war das der Blick auf das Dach des Palazzo Pitti, der vor über 500 Jahren für den Kaufmann Luca Pitti erbaut wurde: Neben der italienischen Flagge in der Mitte weht die der EU rechts daneben. Es ist vollkommen klar, das sich das ändern soll: Die EU-Flagge soll in die Mitte rücken, die italienische ist dann nur noch nationale Folklore im Einheitsstaat am Rand.


Schluss mit dem durchsichtigen „Harmonisieren“ von Lebensbedingungen! Das ist ein verführerisches Versprechen, Gutes zu tun, und bewirkt doch nur das Schlechte. Und es geht auch nicht wirklich um die Lebensbedingungen, sondern um Gestaltungsmacht. Die Vielfalt der europäischen Kulturen findet ihren Ausdruck in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Einheitlichkeit zielt auf einfache Kontrolle, die zentral gesetzten Standards dienen dem Tanzen nach der Pfeife der EUrokraten. Nie war Gleichheit besser als Vielfalt. Italiener kennen kein Bio; sie kaufen seit je her ihre Bio-Produkte auf dem Markt oder im Supermercati. Die italienische Kultur ist anders als das Gehabe des sanften Monsters Brüssel, vom Essen über die Kleidung bis zum Schuldenmachen. Und das ist gut so.


3. Die katholische Kirche pervertierte die strikte Trennung zwischen Öffentlichkeit und staatlicher Herrschaft einerseits sowie Privatheit und persönlichem Glauben andererseits.

Beide Sphären waren im Römischen Reich getrennt. Der Kaiserkult diente der Herrschaft, die „Vergottung“ der überirdischen Legitimation weltlicher Herrschaft. Religiöse Inbrunst war nicht gefordert. Die Christen sollten sich, wie schon Jesus auf die Frage: „Bist Du der König der Juden?“ der Weltmacht unterordnen und konnten privat glauben, was sie wollten.


Die katholische Kirche stieß in eine Lücke und bot Spiritualität und Religiosität für jederman an, die persönlich erbaulich und erlösend wirken kann, aber für kirchliche Herrschaftszwecke von Beginn an missbraucht wurde. Die katholische Kirche beseitigte nicht nur die antike Konkurrenz als sie am Ende des 4. Jahrhunderts Staatsreligion geworden war durch Verfolgung und Verbote antiker Riten, Olympische Spiele inklusive, sondern suchte und sucht die Menschen in ihrer alltäglichen Lebensweise zu beherrschen, bis in die Sexualität hinein.


Mehr als ein Ergebnis am Rande sind die furchtbaren Verbrechen, die Männer der Kirche durch systematischen Missbrauch von abertausenden, vielleicht Millionen Kindern seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten begangen haben.


4. Freie Bürger leisten mehr. Politische Führung ist wertvoll, solange sie sich auf das sachlich Notwendige beschränkt und unternehmerisches Handeln in sich trägt. Die überschaubare Stadt ist das Zentrum menschlicher Kultur.

Die David Statue verkörperte die freien Bürger der Stadt Florenz. Deshalb war sie als Wahrzeichen an zentraler Stelle vor dem Rathaus vorgesehen, wo sie heute auch steht. Es ist ein schönes (Sinn)Bild, dass der kleine David, hier über 5 Meter groß, bloß mit einer Schleuder und viel Geschick den Riesen Goliath besiegte. In Brüssel gibt es passenderweise das Manneken Pis. In Berlin bekommen wir die bizarre Einheitswippe.


Die Medici wirkten stilbildend. Oberbürgermeister Müller und sein Vorgänger taugen allenfalls als Stilblüte.

Hinter dem Palazzo Piti wurde ein herrlicher Garten angelegt, Der Gardino di Boboli erstreckt sich weit entlang am Hang und trägt barocke Züge. Marmorstatuen inmitten von Springbrunnen und an Alleen entlang fügen sich zu einem ästhetischen Ensemble. Man muss sich keine musealen Städte wünschen, um Schönheit und Stimmigkeit von Architektur, Städte- und Gartenbau in Florenz wertschätzen zu können.


Die Moderne hat durchaus markante Architektur hervorgebracht. In London mischt sich beispielsweise alt und modern auf anregende Weise. Indes scheint der verbreitete funktionale Standard aus Glas und Beton sinnbildlich für die durchsichtige Leere der Moderne zu stehen. Auf den glatten Oberflächen findet das Auge keinen Halt.


Geradezu absurd mutet moderne Kunst an, wenn sie auf alte trifft, so im Gardino die Boboli mit ausgemacht hässlichen Metallkonstruktionen des als bedeutend geltenden deutschen Bildhauers Fritz Koenig. Im Vergleich mit den vorhandenen Statuen wirken sie unterentwickelt, seelenlos und bizarr.


Es verwundert nicht, dass sich die Massen nicht für moderne Kunst interessieren, sondern millionenfach den wert der guten alten Dinge schätzen. Die Dokumenta in Kassel mag als Ausnahme von der Regel dienen. Zugleich scheint es schwer zu sein, Mäzene für moderne Kunst zu gewinnen. Das war in der frühen Neuzeit noch ganz anders.


Die Antike ist ein Maßstab für Kultur, an der wir uns messen dürfen, können und sollten. Das bedeutet nicht einen Kult zu betreiben, sondern sich an Idealen zu bilden.


Abschließend möchte ich noch eine Lanze für die Elite brechen, für eine wahrhafte Elite. Früher gab es eine Eliten-Kultur, die für die Bevölkerung greif- und sichtbar war. Heute fehlt diese. Heute gibt es populäre Kultur für die Massen. Das ist schön und ich erfreue mich sehr an manchem Populären. Aber Masse ist kein Ersatz für Klasse.


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