Was für ein herrlicher Sommer!

Updated: Jul 28, 2019

Es ist Hochsommer und ein richtig schöner noch dazu. Dieses Wochenende ist es warm, aber nicht zu heiß in Berlin. Es weht ein schöner leichter Wind. In der Nähe von Venedig war es Anfang Juli ganz normal sommerwarm, wie in den letzten Jahren und anderthalb Jahrzehnten auch. Mehr Gewitter scheint es dort allerdings in den letzten Sommern gegeben zu haben. Das Wetter Ende Juni war mir in Berlin zu warm, aber dauerte auch nicht lange, anders als 2003 und 2018, und, wenn ich mich recht erinnere, 2006. Die Sommer 2009, 2011 und 2017 waren dagegen mies, total verregnet. Dieses Jahr hat der Sommer später angefangen als in manchem Jahr zuvor und vor allem angesichts des Katastrophenalarms, den die arme Journaille auf der Jagd nach Schlagzeilen produzieren muss. Sensationalismus ist eine Konstante der Menschheit.


In meiner Kindheit gab es natürlich auch knackige Sommer. Die Bild titelte am 8. August 1975: „40 Grad Hitze. Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich“. Glück gehabt, wir leben noch. Anders als fünf Feuerwehrmänner, die am 10. August 1975 bei verheerenden Waldbränden in der Lüneburger Heide ums Leben kamen. 13.000 Hektar Fläche verbrannten durch 300 auslösende Feuer, die vor allem die Landkreise Celle, Gifhorn und Lüchow-Dannenberg über eine Woche in den bundesweiten Schlagzeilen hielten. Die Schneisen, die die Bergepanzer der Bundeswehr mitten durch die trockenen Kiefernwälder zogen, haben mich beeindruckt.


1972 erschien das großartige Jugendbuch von Alfred Weidenmann: Die Glorreichen Sieben (und der rätselhafte Kunstraub), das ich erst einige Jahre später gelesen habe. Ich erinnere mich noch wie eine „Affenhitze“ über der fiktiven Stadt „Bad Rittershude“ lag, ohne ein kühlendes Lüftchen, mit dem Ergebnis, dass die Tabakwaren im Schaufenster genauso zerbröselten wie die Kleidung sich verfärbte. Ein heißer Sommer war offenbar ein selbstverständliches, für einen Roman geeignetes Thema. In Südniedersachen herrschte 1983 eine Affenhitze – vielleicht habe ich das Buch damals gelesen.

Wenn man in Chroniken schaut, dann findet man viele warme Sommer, außer den erwähnten im 20. Jahrhundert auch 1905, 1911, 1917, 1947, 1959, 1975, 1982 und 1992. Genauso gibt es kalte Sommer, etwa 1909, 1913, 1916, 1918, 1919, 1923, 1956, 1962, 1965, 1978, 1985 und 1987. Eine Regelmäßigkeit in der Abfolge wurde bislang nicht identifiziert.


Lange bevor die Sommer politisiert wurden gab es extreme Erscheinungen. 1947 herrschte in Deutschland und der Schweiz ein Jahrhundertsommer. Im vom Krieg teilweise zerstörten Bonn konnten die Menschen durch den Rhein gehen, der nur noch 90 cm flach war. Zuvor galt den Bonnern 1895 als der heißeste Sommer aufgrund lang anhaltender Hitze und Trockenheit. In der Schweiz war es 1947 stellenweise so trocken, dass im August die Thur bei Pfyn nur noch ein Kiesbett war. Kein Tropfen Wasser mehr. Das ganze Tal hatte sich in eine Steppe verwandelt. Unterrichtet wurde trotzdem wie ein Eidzeitgenosse berichtet.


In der Wetterzentrale heißt es über den Juli 1904:

extrem trocken und heiß. Hitzewelle stoppt die Flussschifffahrt. Tropische Hitze ganz Mitteleuropa. Berlin 16.7. 35,5°. Wasserstand Weichsel und Oder tiefster Stand seit 1811. Elbe in Dresden fast ausgetrocknet.

1907 und 1910 war es im Sommer hingegen total verregnet und Überschwemmungen verursachten schwere Schäden. 1911 wurde die Schifffahrt auf der Elbe wegen Wassermangel eingestellt. Durch den heißen Sommer herrschte im September Lebensmittelknappheit.


Schauen wir noch ein wenig weiter zurück. Bei Donnerwettersteht zu lesen:


Schon im Jahr 79 nach Christus herrschte in Italien extreme Hitze, die lange Trockenheit brachte. Im Jahre 886 war der Sommer dagegen so verregnet, daß der Rhein alle Länder verwüstete, die von der Quelle bis zur Mündung an seinen Ufern lagen. Die Anwohner anderer europäischer Flüße mußten mit ähnlichen Problemen kämpfen.

Das gegenteilige Extrem - einmal durch das Flußbett des Rheins zu waten und dabei höchstens feuchte Knöchel zu bekommen - liegt inzwischen 612 Jahre zurück. Im Jahr 1295 änderte der Rhein nach einer Überschwemmung am 4. August seinen Lauf: Breisach riß vom Elsaß ab und verband sich mit dem Breisgau. Doch knapp 200 Jahre später, im Jahr 1480, kehrte der Rhein durch weitere Überschwemmungen wieder in sein altes Bett zurück. 


Aufgrund der wahnsinnige Hitze wurde der Sommer 1387 "der heiße Sommer" genannt. Auch 1473 gab es viermonatige Dürren während sehr warmer Tage. Als Folge der Hitze konnten die Menschen zu Fuß durch die Donau laufen, es stellte sich eine doppelte Blüte und eine zweite Kirschreife ein. Zudem waren die Weine dieses Jahres so schwer, daß sie unverdünnt kaum zu ertragen waren.


1540 war nochmals ein unerhört heißes und trockenes Jahr, das vom 28.2. bis zum 19.9. beispielsweise in Zürich nur viermal Regen brachte. Mailand blieb fünf Monate lang völlig ohne Regen und im Oktober blühten die Rosen ein zweites Mal. Die englische Themse hatte einen so niedrigen Stand, daß Meerwasser bis nach London vordrang.


Was sind die jüngsten Rekorde wert?

Mit den aktuellen Temperaturrekorden können wir uns nicht wirklich brüsten. Zumindest ist da Doping im Spiel. Die Verstädterung (Wärmeinseln) führt zu höheren lokalen Messwerten, ohne dass es in der Stadt insgesamt, in ganz Deutschland, in ganz Europa, auf der ganzen Welt entsprechend rekordverdächtig wärmer wird, wie suggeriert. Zugleich erwecken die apokalyptischen Schlagzeilen den Eindruck, dass es sich, wenn nicht um Temperaturverdoppelungen, so doch um zig Grad handelt. Meist sind es Zehntelgrade oder ein, vielleicht zwei Grad. Schließlich scheinen mir die historischen Vergleichszahlen für eine Rekordmessung weitgehend unbrauchbar zu sein. Die waren nämlich bestenfalls handgestoppt, um im Bild zu bleiben. Das versucht man im Nachhinein mit statistischen Mitteln zu korrigieren, na ja, und die Standorte wechselten in Berlin zwischen 1701 und 1907 sowie bis 1997 (seitdem Botanischer Garten) auch mehrfach. Von den Instrumenten ganz zu schweigen, die nicht durchgängig geeicht waren, und Messwerten, die fehlen.


Vielleicht wird der Sensationalismus auch dadurch befeuert, dass die Städter von heute Weicheier sind. Man braucht nur einen Blick in die Gesichter der Bauern, Landsknechte, Industriearbeiter vor 70 und 100 Jahren zu werfen, um die Unterschiede in der Naturverbundenheit zur „Latte Macchiato The North Face Outdoor Generation“ zu erkennen.


Hitze-Kollateral-Schäden

Immerhin, über Sommerloch-Lektüre brauchen wir uns nicht zu beschweren. Zwar gibt es kaum etwas über Ufos, aber die Erich Honecker Gedächtnis Partei schickt einen Genossen vor, der über die Verstaatlichung von Fluglinien fabuliert. Ob die Trabbis der Lüfte auch so viele Schadstoffe ausstoßen wie in der Ostzone? Und dann ist da noch der Hoax von den grünen Kommunisten, die Flugreisen verteuern und die Bahn mit Steuergeldern attraktiver machen wollen – die Bahn mit den maroden Brücken, multiplen Verspätungen, ausfallenden Klimaanlagen. Hi hi! Für Reiche ist das eine richtig gute Sache, wenn Fliegen endlich wieder nur etwas Exklusives für Wohlhabende ist - mit entsprechend viel Platz, persönlicher Bedienung mit Porzellan. Touristen sind eh nervig.


Also, freuen wir uns über den Sommer! Freuen wir uns darüber, dass CO2 die Welt grüner werden lässt, selbst in der Sahelzone, während der CO2-Ausstoß in Kilogramm je erwirtschaftetem US-Dollar bereits seit 1991 weltweit und in Deutschland kontinuierlich zurückgeht. Freuen wir uns über Sonne, Vitamin-D-Gewinn und kühle Getränke, wer mag auch ein Eis oder zwei.



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