Vom Glück der Natur

Aktualisiert: Apr 23

Eine weiter zunehmende Verstädterung prägt das 21. Jahrhundert. In den entwickelten Flächenstaaten leben rund Dreiviertel der Bevölkerung in Städten. Zugleich suchen viele Menschen die Natur, zumeist allerdings nur als kurzes Ausflugsziel. In der modernen Angestelltengesellschaft sind Wind und Wetter Anlass, die Funktionskleidung zu wechseln. Der Mensch hat die natürliche Umgebung, aus der er stammt, weitgehend verlassen. Naturbeherrschung ist auch heute noch eine mindestens unterschwellige, selbstverständliche Haltung. Zugleich boomt ein mystisches, quasireligiöses Naturverständnis.



Während viele Menschen zwischen Naturbeherrschung und Naturverherrlichung hin und hergerissen sind, gibt es auch andere Perspektiven – mit bedenkenswerten Verbindungen in die liberale und österreichische Erkenntniswelt.


Alexander Rüstow bezeichnete den Garten als Vitalraum: „Der Garten ist der eigentliche Lebensraum der Familie. Der Garten bildet die eigentliche Vitalsituation der Familie ...“ Zudem sah er wie sein Mitstreiter Wilhelm Röpke und viel andere den Garten als kulturelle Errungenschaft. Exemplarisch sichtbar wird die menschliche Leistung, die mit erbaulicher Schönheit und Vielfalt einhergeht, in den geheimen Gärten der Cotswolds. Die Cotswolds, auch als Herz von England bezeichnet, sind eine hügelige Landschaft im Westen von Oxford, die sich bis nach Cheltenham und im Süden bis nach Bath erstreckt. Charakteristisch sind die gelblichen Kalksteinhäuser. Wer sich die faszinierenden geheimen Gärten anschauen möchte, die vielfach nur einen Tag im Jahr für die Öffentlichkeit geöffnet werden, kann sich einen Eindruck in dem Buch „Die geheimen Gärten von Cotswolds“ verschaffen. Die Texte des Bildbands hat die frühere Chefredakteurin der Zeitung The Independent und heutige Journalistin mit Schwerpunkt Gärten und Gartenbau, Victoria Summerley, geschrieben. Die Fotos stammen vom bedeutenden Porträt-Fotographen Hugo Rittson-Thomas. Beide waren nie zur gleiche Zeit im selben Garten.


Was macht den Blick in die Gärten so eindrucksvoll? Zunächst sind es offensichtliche Dinge wie üppige Schönheit, dann die beeindruckende Gartenarchitektur sowie der Reichtum an Farben und Formen, zumal in ihrem Zusammenspiel. Hier tritt die von Menschenhand und manchem Bagger gestaltete Natur in voller gepflegter Pracht in Erscheinung. Menschen mit einer besonderen Vorstellungskraft stehen dahinter, mit der Fähigkeit auf Jahre hinweg zu gestalten und durchzuhalten. Menschen, die ihr Vermögen, ideelles und materielles, eingesetzt haben, erdverbunden, gestaltend, aus Traditionen und Erfahrung schöpfend. Mehre portraitierte Gärten sind aus verwilderten Grund und Boden geschaffen worden, darunter Kingham Hill House, wo es auch einen Lavendelgarten gibt.


Mit militärischer Disziplin, aber ohne großen Plan gestaltete Robert Cooper den Garten in Ablington Manor, der nicht zuletzt Ergebnis eines glücklichen Zufalls bei der Lösung von Problemen ist, darunter ein Gefälle. Vielfach betreuen nur zwei bis drei Menschen in Teilzeit die riesigen Gärten. Umso mehr Einsatz zeigen die Besitzer, die mit für Gärtner typischen Altersleiden wie Arthritis in Hüften, Knien und Händen im Alter bezahlen. Es gibt auch Chefgärtner wie Neil Hewertson, der seit dreißig Jahren bei Lord und Lady Vestey in Stowell Park angestellt ist – ein „Paradies für Perfektionisten“ mit „Rasen wie kostbare Teppiche“.


Im sichtbaren Mittelpunkt der wunderbaren Gärten stehen gärtnerisches Unternehmertum, Gestaltungssinn und -wille, viel Expertise und Experimentieren, durchdrungen von einer intensiven Bindung an die kultivierte Natur.


Zurück in die Wildnis


Für eine gegenteilige Gestaltung steht „Wilding. Returning Nature to our Farm“ von Isabella Tree. Die britische Autorin und ihr Mann, Sir Charles Burrell, haben Knepp Castle in West Sussex, südlich von London, rund 25 Kilometer von der Küste entfernt, zwei Jahrzehnte erfolglos landwirtschaftlich bewirtschaftet. Unmittelbar vor dem endgültigen Scheitern vollzogen sie einen radikalen Kurswechsel. Statt die Flächen für landwirtschaftliche Fremdnutzung zu verpachten renaturierten sie ihren gesamten Grund und Boden nach dem Ideal der Wildnis in England bevor der Mensch eingriff.

Dazu überließen sie die Natur nur teilweise wieder sich selbst, da sie gezielt Wildtiere ansiedelten wie Schweine (Tamworth pigs), Rinder (Old English Loghorn) und Pferde (Exmoor), die mitunter ihren ausgestorbenen Vorfahren am nächsten kommen, aber auch Dam- und Rotwild.

Faszinierend ist mit welcher Geschwindigkeit die Natur sich die landwirtschaftlichen Flächen zurückerobert, wie rasch seltene und (nahezu) ausgestorben geglaubte Tiere in die Wildnis zurückkehren, wie sehr alles mit allem zusammenhängt: das Aufrüsseln des Bodens durch Schweine, die Kuhfladen, die Mistkäfer anziehen, binnen 60 Sekunden. Auf einem einzigen Kuhfladen wurden 23 (!) verschiedene Arten identifiziert. Die Vögel, die zurückkehren, darunter seltene Tauben und zusammen mit der überbordenden Menge an Insekten für ein vibrierendes Gesurre, Gezirpe und Geschnatter sorgen. Die teils losgetretenen, teils losgelassenen Prozesse sind dynamisch, haben jede Menge unbeabsichtigte Konsequenzen, fügen sich zu einer spontanen, emergenten Ordnung nachdem das britische Ehepaar den Kampf gegen das Land aufgegeben hatte. Entkräftete und durch Chemie und Pflügen in Mitleidenschaft gezogenen Büsche und Bäume erwachen. Seltene Pflanzen sprießen, seltene Arten werden angezogen.


Das nicht zuletzt mit Steuerzahlergeldern finanzierte Projekte wirft Erträge durch Wildlife-Tourismus und Fleischverkauf ab und erhält Gelder, weil die Reinigung des Wassers, das durch das Gebiet fließt, beträchtlich ist. Das Projekt wurde von Beginn an intensiv wissenschaftlich begleitet. Das Buch stellt selbst eine bemerkenswerte, lebendige Verbindung von Wissenschaft, Natur und Poesie dar. Isabella Tree ist die Freude, das Staunen, die Begeisterung der wunderbaren Aufgabe und ihrer ungeahnten Folgen anzumerken.


Zeitlose Lehren


Last, but not least wird deutlich wie lernfähig der Mensch sein kann. Aus industrieller Landwirtschaft, staatlich reguliert und subventioniert, wurde wild wachsende, ungezähmte Natur, auch reguliert und subventioniert. Eine Herausforderung besteht darin, die wilde Natur in Großbritannien zu mehren, aber nicht dem Irrtum anheim zu fallen, dies sei der Weg in die Zukunft für 66 Millionen Briten oder 7 Milliarden Menschen.


Dennoch: Natur ist heilsam. Unserem Fortschritt, gerade in den entwickelten Staaten, tut mehr Natur gut. Ein vitales Leben besteht nicht aus mehr Einkommen, mehr Technik und weniger Arbeitszeit allein. Das „Glücksgefühl des arbeitenden Menschen“ müsse gerade nicht „proportional der Lohnhöhe und umgekehrt proportional der Arbeitszeit“ sein, wie Alexander Rüstow treffend kommentierte. Naturnähe, prosperierendes Familienleben, sinnvolle Arbeit und beruhigendes Wohnen jenseits von Häuserschluchten tragen dazu bei, genauso wie Muße sowie die Abwesenheit von Hetze und betäubender Sinnlosigkeit großstädtischer Vergnügungen und Zerstreuungen, die der Universalgelehrte hervorhob.


All das ist mit unserem beträchtlichen Wohlstand, den Unternehmer, engagierte Arbeitnehmer und klug investiertes Kapital hervorbringen, zunehmend möglich. Die künftige Entwicklung dürfte in einer Gestaltung und in einer Zusammenarbeit mit der Natur liegen. Das bedeutet auch, sich weder Natur zu unterwerfen noch sie zum Fetisch zu machen.


Ökonomie und Ökologie sind wohlverstanden keine Gegensätze.




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