Ist das liberale Zeitalter am Ende?


Das liberale Zeitalter ist nicht nur zu Ende, sondern der Liberalismus hat versagt. Diese Auffassung vertritt beharrlich Patrick Deneen, Professor für Politikwissenschaften an der University of Notre Dame, Autor von „Why Liberalism failed“. Seine geschickte Argumentation verschmilzt zunächst den Dritten Weg mit dem Liberalismus, um dann insbesondere den klassischen Liberalismus diskreditieren zu können. Mindestens einen bedenkenswerten Aspekt bringt Deneen jedoch in die Debatte mit Russ Roberts, Gastgeber von Econtalk: Eine Weltanschauung benötigt eine Kultur, die sie trägt.


Ordnungserosion

Die liberale Ordnung leidet heute einmal mehr unter Jahrzehnte währenden Mineurstätigkeiten, die stetig die Fundamente einer freien Gesellschaft untergraben haben. Heute jährt sich der Geburtstag des Sozialisten Herbert Marcuse zum 120. Mal. Marcuse, der 1932 den Kapitalismus als ultimative Krise des menschlichen Wesens kritisierte, übte erheblichen Einfluss auf die Studentenbewegung von 1968 aus. Deren Marsch durch die Institutionen zeitigt heute gruselige Folgen. Die 68er haben sicherlich nicht allein die Erosion von Eigentum und Familie, aber auch der Religion, bewirkt. Gleichwohl können sie mit ihrer keineswegs immer samtpfotigen Revolution der Gesellschaft zufrieden sein.


PC + OE

Das liegt auch an zwei Strömungen, die sich unheilvoll auf das Zusammenleben von Menschen auswirken. Zum einen ist da die Ideologie der politischen Korrektheit als sprachliche und gedankliche Strangulierung. Die Herrschaft über die Sprache ist ein Schlüssel zur Herrschaft über freie Menschen. Zum anderen ist der Online-Exhibitionismus relevant. Die neue Schamlosigkeit, wie es der Physiker, promovierte Philosoph und Lehrer Eduard Kaeser nennt. Perfiderweise hat das unbedarfte Zurschaustellen von banalen, persönlichen und intimen Details nicht nur die Grenzen zwischen privat und öffentlich geschleift. Vielmehr gelten Aussteiger und Nichtmehrmitmacher als verdächtig, im günstigen Fall noch als uncool und out. Gleichzeitig wird vehement Kritik an Überwachungsmaßnahmen des Staates zur Gefahrenabwehr geäußert.


Hordendenken

Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes, geht in seinem lesens- und bedenkenswerten Buch „Die Ordnung der Freiheit und ihre Feinde“ in hayek- und popperscher Manier dem Konflikt zwischen dem Denken und Leben der Stammesgesellschaft, unserem mitmenschlichem Sozialismus, und der Offenen Gesellschaft, die allgemeine Rechtsregeln benötigt nach. Sein Plädoyer für den klassischen Liberalismus ist frisch und wohltuend konsequent. Das Drama der heutigen Demokratie besteht darin, dass die Regierungen längst zu einer Fleischtopfpolitik übergegangen sind. Wer dran ist, darf umverteile und tut das kräftig. Schacherdemokratie nannte Hayek diese Pervertierung. Gut finden das manche unbedarften Jungsozialisten, zumal jeder die Chance habe, einmal an die Töpfe zu kommen.


Widerstehen

Das liberale Zeitalter ist trotz des grassierenden Irrsinns von Zöllen und Gegenzöllen, mitunter dramatisch schlechten politischen und bürokratischen „Leistungen“ ohne echte Alternative, vor allem aber einer freiheitsaversen Kultur noch nicht am Ende. Weltweit gibt es konsequente Liberale, die ihre Stimme erheben. Allerdings wendet sich der Frust über unabänderbare Missstände zunehmend gegen die Ordnung selbst. Die Aufgabe unserer Zeit ist kein Systemwechsel, sondern eine konsequente Erneuerung der defekten Ordnung. Dazu ist Aufklärung der erste und unerlässliche Schritt. Der zweite ist Widersprechen. Welches ist der dritte?


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