Hayeks Klamotten: Business Mode im Entdeckungsmodus

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Das kann man sehen. Alltäglich. Auf der Straße und im beruflichen Umfeld. Erhellend ist ein Foto. Es ist mit „Hats in New York, 1930“ überschrieben und bietet einen Blick aus der Vogelperspektive auf einen kurzen Straßenabschnitt der 36th Street, zwischen 8th und 9th Avenue. Zu sehen sind viele Menschen, sehr viele, und nur zwei Autos. Alle Menschen tragen Hüte. Kein einziger ist barhäuptig unterwegs. Lediglich zwei und erst recht drei bis vier Jahrzehnte später würde auf dem Foto etwas fehlen: Hüte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren Hüte ein fester Bestandteil der Kleidung. Warum verschwanden sie? Die Menschen begannen viel mehr Auto zu fahren und gingen viel weniger lange Strecken zu Fuß, brauchten also den Schutz vor Witterung nicht mehr. Die Hygiene verbesserte sich. Pomade diente wenn, dann dazu, sichtbare Schmalzlocken zu kreieren. Fliegerbrillen kamen in Mode durch die Kriegspiloten – und „nur“ Australier tragen noch Filzhut und Sonnenbrille, von amerikanischen Country-Boys abgesehen.


Heute ist nicht nur die Krawatte auf dem Rückzug. Sie dürfte ein ähnliches Schicksal erfahren wie einst der Hut. Der Farbtupfer mag stilvoll erscheinen. Mit Nassim Nicholas Taleb gilt jedoch, dass es keine kluge Idee ist, die Halsschlagader mit einem Strick abzubinden. Allerdings scheiterte der erste große Angriff auf den bunten Lappen. Kein geringerer als Giorgio Armani wollte nicht nur den Schlips, sondern auch das Herrenoberhemd verdrängen. Don Johnson machte eine grandiose Figur in Miami Vice und etablierte das T-Shirt unter dem Jackett. Herb Ritz hat das vielleicht ikonische Foto schlechthin geschossen: Don Johnson, ganz in weiß, mit Fluppe in der schäumenden Brandung. Wer indes heute ins Weiße Haus schaut, sieht einen zuweilen überdimensionierten Schlips an einem Mann, der ebenfalls in den 80er Jahren zuhause ist.


Casual statt Krawatte

Das ist jedoch der Blick zurück. Eine Welt von gestern. Die Umgebung von Staatsmännern, Behörden, manchen Konzernen und Banken, aber auch dort ist das Tuch auf dem Rückzug, nicht nur aus Übermut in Zeiten einer Hausse und als Indikator für einen nahenden Crash. Bei der Kleidung geht es längst um mehr als nur den Langbinder. Die Inhaber-Unternehmer von weitaus größeren Aktiengesellschaften tragen Hoodie und Rolli. Ein offenes Hemd soll bei etablierten Autokonzernen etwas Start-up-Spirit signalisieren. Dort trägt man T-Shirts, und Turnschuhe, Chucks, Sneaker sind beinahe Pflicht. Business Casual ist längst ein fester Kleidungsstil. Smart Casual steht an der Spitze der neuen legeren Kleiderordnung. Selbstverständlich ist Business/ Informal nach wie vor verbreitet und Semi-formal noch gang und gäbe. Für einen älteren, faltenreichen Hals mag das auch passend sein. Noch. Im prognostischen „The State of Fashion“ Paper von McKinsey und Business of Fashion trägt keiner der Herausgeber und Autoren einen Langbinder. Noch prägnanter verkörpert Daniel Craig als 007 den Wechsel. In „Ein Quantum Trost“ sitzt der Tom Ford Anzug fast so knapp wie ein Neoprenanzug und das inmitten eines Staubsturms des implodierenden Gebäudes.


Warum?

Für Liberale gibt es eine Antwort, die für Erleichterung sorgen dürfte: Der Trend weg von Schlips und stattlichem Anzug hat nichts mit Regulierung zu tun. Sind es doch gerade die Angehörigen der Staatsführung, die noch am Strick hängen. Ich halte folgende Einflüsse für einen Bestandteil der Antwort:


- Schöne neue Geschäftswelt: Kleider machen Leute, aber nicht mehr durch angeheftete Autorität und Distanz, sondern durch Kundennähe und idealerweise persönliches Vertrauen gestützt auf Kompetenz. In Teilen Asiens kommen Multimillionäre in Ballonhosen zu internationalen Banken und verlangen am Wochenende eine Beratung. Wer etwas kann, wer in die Zukunft denkt und arbeitet, kann sich von der Vergangenheit unterscheiden.


- Sowohl als auch: Die Grenzen von Arbeit und Freizeit verwischen, damit löst sich auch die Kleidergrenze auf. Wer geht heute noch ins Geschäft und zieht sich dementsprechend anders an? Inzwischen werben Hersteller mit 24/7 Hosen wie All Day Every Day Pant, die bequem wie eine Jogginghose und businesstauglich zugleich sind. Statt Sakko gibt es längst einen The Classic Hood.


- Unternehmerische Innovation: Moderne Stoffe erlauben eine Mischung aus Komfort, Lässigkeit und Stil. Inzwischen ist es möglich, das Gefühl einer Trainingsanzughose im Job zu haben und trotz Elastizität bei Form, Farbe und Material kaum einen Unterschied zu einer herkömmlichen Anzughose zu erkennen. Das Internet ermöglicht auch kleineren Unternehmen eine größere Kundschaft weltweit, und damit eröffnet sich ihnen die Chance, Trends zu setzen.


- Younger than ever: Mit dem Jugendkult, Fitness für Ü40, Ü50, Ü60 ..., 50 (Jahre alt) sind die neuen 40 und einem Erscheinungsbild, dass sich deutlich von den Wohlstandsfamilienvätern der Erhards, Heinz und Ludwig, der 50er und 60er Jahre abhebt, geht eine entsprechende Kleidungsverjüngung einher.


- Anything goes: Formales verliert an Bedeutung. Konventionen erodieren, darunter einstige Klassen mit ihrer Kleidung. Die Halsbinde ist kein Statussymbol mehr. Uniformierung und das Einfügen ins Kollektiv des 19. und noch 20. Jahrhunderts sind passé, zumindest auf die althergebrachte Weise. Individualisierte Uniformierung ist en vogue.


Hayeks Kleidung

Friedrich August von Hayek war wie Ludwig von Mises klassisch gekleidet. Ober er den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren auch auf Kleidung bezogen hätte? Davon können wir ausgehen, schon aufgrund seiner Überlegungen zur Sprache, die ebenfalls das Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs ist.


Dass Mises nicht nur ein Mann des 19. Jahrhunderts war, sondern richtig cool - wie ein Rocker, zeigt dieses Foto:

Heute gilt mehr denn je, Kleidung ist das Ergebnis menschlichen Anziehens, aber nicht menschlicher Kleidungsvorschriften. Selbst uniformierende Trends werden von persönlichen Akzenten durchbrochen. Es wird weiter viel zu entdecken geben. Schön!

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