Ewiges Herrschaftsstreben: Dogen, Bürokratie und Kirche

Venedig bietet nicht nur morbiden Charme, sondern Einblicke hinter die glänzenden Kulturkulissen der einst bedeutenden Wirtschafts- und Militärmacht.


Zwei venezianische Einsichten möchte ich kurz teilen:


1. Bürokratie ist unvergänglich und dehnt sich aus

Im Dogenpalast, dem früheren Zentrum der Macht des städtischen Fürsten und der ihn umgebenden Oligarchie, gibt es einen Saal, der Consiglio dei Dieci heißt. Der Saal des Zehnerrats geht auf eine Institution zurück, die eine einzige, sehr begrenzte Aufgabe besaß: die Verschwörer des Jahres 1310 zu verurteilen. Bemerkenswerterweise passt die Bürokratietheorie wie die sprichwörtliche Faust auf’s Auge. Einmal gegründet, suchten die Mitglieder des Rates sich neue Aufgaben und Kompetenzen, die sie schließlich sogar „auf fast jeden Bereich des Privatlebens ausweiteten“. Der Hinweis auf die Verteidigung des Staates reichte aus, um unnachgiebig, intransparent und rasch die bestehende Herrschaft zu sichern.


2. Machtpolitik und Konstruktivismus – weltliche und kirchliche Herrschaftsmechanik

Beim Blick auf die zahllosen Ölgemälde kam mir eine Theorie in den Sinn, inspiriert durch die vielen Schlachten, religiösen Abbildungen und Herrschaftssymbole. Die weltliche Macht fußt auf Machtpolitik, auf Mitteln der Gewalt, d.h. der Fähigkeit, physische Gewalt anzuwenden. Entsprechende Herrschaftssymbole flankieren und manifestieren diese Fähigkeit, wodurch es nicht notwendig ist, ununterbrochen Gewalt anzuwenden. Bei der Kirche verhält es sich andersherum. Die Kirche tritt zuerst konstruktivistisch auf. Sie verspricht Heil, Erlösung, irdische und vor allem jenseitige Wohlfahrt, wenn man sich ihr unterwirft. Am Rande – das Beichtsystem muss eine grandiose Bespitzelung gewesen sein. Wenn es darauf ankam, waren Kirchenführer auch in der Lage, physische Gewalt einzusetzen.


Gleichwohl, in einer Kurzformel beruht die weltliche Macht zunächst und zu zwei Dritteln auf der Fähigkeit physische Gewalt auszuüben und erst danach und zu einem Drittel auf Konstruktivismus. Bei der Kirche ist es umgekehrt: zwei Drittel Konstruktivismus und ein Drittel physische Gewalt (es geht mir um das Verhältnis, nicht den genauen Anteil).


Beide standen im Wettbewerb, beide nutzten einander, beide hatten mal die Nase vorn. Und die Bevölkerung musste beiden dienen.

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