Die Spaltung der Gesellschaft als Chance

Selten fehlt der Hinweis, dass diese oder jene politische Entwicklung die Gesellschaft spalte. Meist sollen es Populisten sein, die spalten. Gerne auch Kapitalisten. Stets sind es die anderen Politiker, wenn von Spaltung die Rede ist. Zentralbanken, die vermutlich größten ökonomischen Spalter, werden nur von wenigen geldpolitisch versierten, zumeist liberalen Kommentatoren erwähnt.


Bleiben wir bei der Politik. Dort lässt sich die Spaltung der Gesellschaft als Chance begreifen. Warum das? Nun, weil die existierende Spaltung sichtbar (gemacht) wird:

Früher gab es noch (zwei) Volksparteien, die alles unter ihren Deckel stopften. Heute gibt es keine Volksparteien mehr, unterschiedliche Präferenzen werden sichtbar. Das gilt nicht nur für neue, inzwischen bereits etablierte Parteien, sondern auch für Bürgerinitiativen, Petitionen und lokale politische Bewegungen.


Früher gab es Leitmedien und kein Internet, dafür Stammtische. Heute gibt es keine Leitmedien mehr, die Informationslandschaft ist vielfältiger. Rasch lassen sich politische und fachliche Unterschiede identifizieren, hier das links-grün dominierte Medien-Establishment, dort die verschiedenen neuen Medien mit entsprechender Meinungsvielfalt.


Die viel gescholtenen Filterblasen lassen sich ebenfalls als Chance begreifen. In der der vermeintlichen oder tatsächlichen Blase treffen Gleichgesonnene auf einander und bleiben bei einander. Die Aussicht, einen eingefleischten Sozialdemokraten durch Argumente zum Liberalismus zu bekehren, war wahrscheinlich so gering wie mit einer abweichenden Meinung in einer sozialistischen Filterblase oder einem CSU-Stammtisch für einen Meinungsumschwung zu sorgen.


Vielleicht birgt der Vorwurf der Blasenbildung auch eine Kritik oder gar Furcht, nämlich keine Kontrolle über Andersdenkende zu haben, die in ihrer Blase Dinge tun, die halb sichtbar und halb verborgen sind. Das Streben nach Harmonie, die vielleicht eher Hegemonie ist, scheint mir beim Spaltungsvorwurf enthalten zu sein.


Der Vorwurf der Spaltung zieht inzwischen nicht mehr so stark, er ist zu abgenutzt. Das Spaltungsmantra erinnert and die Volksfront Judäa und die Judäische Volksfront. Häufig handelt es sich lediglich um Unterschiede, die der Spaltwortnutzer nicht gut findet.


Zugleich offenbart die Spaltungsmoral ein kollektivistisches Denken. Einheit wurde früher im Namen der Nation gefordert, nicht zuletzt als geistige Mobilmachung gegenüber äußeren Feinden. Einheit wurde konstruiert gegen vermeintliche innere Feinde, die doch nur Andersdenkende oder Anderslebende waren. Spaltung ist zudem ein Indiz für Übergröße. Ein einheitliches Europa? Eine gruselige Vorstellung!


Eine offene Gesellschaft ist eine uneinige, vielfältige Gesellschaft voller Unterschiede. Sobald diese nicht mehr zentral organisiert werden können, ist die Aufspaltung in kleinere Einheiten ein Ausweg, der zugleich einen Wettbewerb der Vielfalt und verschiedenen politischen Wege befördert.




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