Bewerbungsgespräch mit Herz

Über Bewerbungsgespräche wird regelmäßig und viel geschrieben. Zuweilen reicht ein Beispiel aus, um zu verdeutlichen, worauf es wirklich ankommt. Worauf ich nachfolgend zu sprechen komme, ist nicht zuletzt eine Frage der Persönlichkeit.


Ich habe gerade einen Artikel von Rick Stroud in der Tampa Bay Times gelesen. Der Bericht beleuchtet die Gründe für den Wechsel von Tom Brady zu den Tampa Bay Buccaneers. Mein Highlight ist indes die dortige Schilderung des Bewerbungsgesprächs.

Einschub für diejenigen, die sich mit American Football nicht beschäftigen: Tom Brady gilt als der größte Quarterback aller Zeiten. Er spielte 20 Saisons für die New England Patriots (Boston) und trug maßgeblich dazu bei, dort eine Dynastie zu schaffen, die nahezu alle relevanten Rekorde gebrochen hat, darunter sechs mal den Super Bowl in weniger als zwei Dekaden zu gewinnen. Tom Brady wird im August 43 Jahre alt. Niemand hat jemals so lange, auf so hohem Niveau gespielt. Nun wechselt er zu einer Mannschaft, die bislang als eine der im historischen Durchschnitt schlechtesten der Liga gilt. Das ist in etwa so, als hätte Cristiano Ronaldo von Real Madrid zum RCD Mallorca gewechselt oder Sebastian Schweinsteiger zum FC Freiburg. Allerdings verfügen die Bucs derzeit über einen guten Coach und ein vielversprechendes Team.

Zurück zum Bewerbungsgespräch. Wie würden Sie sich eine solche Situation vorstellen?


Im Vorfeld wurde spekuliert, Tom Brady wolle noch einmal viel Geld verdienen, eine Mitsprache oder gar Kontrolle über den Offensivteil der Mannschaft fordern und bei der Auswahl neuer Spieler mitreden.


Rick Stroud schildert das neunzigminütige Bewerbungsgespräch wie folgt: Die Bucs hätten sich einen detaillierten Plan zurechtgelegt, um mit einem aggressiven Angebot Brady überreden zu können. Tatsächlich habe Brady einen großen Teil der Konversation bestritten und den Coach Bruce Arians sowie den General Manager Jason Licht mindestens so intensiv gefragt wie umgekehrt. Bradys Vorbereitung sei so professionell gewesen wie üblich: Top Level und noch höher. Er habe alles im Detail über die Offence gewusst, über die einzelnen Spieler, und er sei begeistert gewesen, mit den beiden herausragenden Wide Recievern spielen zu können. Er habe seinen potenziellen Arbeitgeber nicht über die Spieler gefragt, sondern ob es gute Menschen seien.


Professionalität mit Herzenssache

Tom Brady genießt den Ruf, sich akribisch auf jedes Spiel vorzubereiten, Stunden lang, Tage lang. Das trifft offenbar auch auf das Bewerbungsgespräch zu: akribisch, das Wesentliche identifiziert, warum zusammenarbeiten. Dementsprechend dürfte es darum gegangen sein, wie sich beide Seiten gemeinsam verbessern können: „Wie kannst Du uns helfen?“ lautet schon die Standardfrage an potenzielle Spieler bei den Pats. Wer seinen Arbeitgeber sorgfältig analysiert hat, kann die richtigen, wichtigen Fragen stellen. Anschließend werden beide von der Wahl überzeugt sein. Außenstehende und Experten, die sich wundern, offenbaren damit eher ihr Unwissen.

Brady gilt als einer der wettbewerbstärksten Spieler, der keine Konkurrenz scheut, vielmehr bereits ist, tatsächlich alles zu geben und zu opfern. Sein ganzes Leben, von der Ernährung über Training bis zum Schlaf, hat der Familienmensch auf Football eingestellt, die Sportart, die er aus tiefem Herzen liebt. Zugleich ist seine positive Weltsicht beeindruckend und lehrreich. In Fotomontagen erscheint er – mit Augenzwinkern – als moderner Jesus. Sein Kommentar zum Tod von Kobe Bryant spricht Bände. Sein Abschied von den Pats und seine Vertragsunterschrift bei den Bucs auf Instagramm zeigen exemplarisch sein großes Herz.


Nun gehört zu TB12 (seiner Sportmarke) und zu jedem Sportler ein Image. Das wird auch in der Auseinandersetzung mit anderen gepflegt. Zugleich dürfen kleine Auftritte wie dieser, nachhaltig beeindrucken: Als bei einer Pressekonferenz ein kleiner Junge Tom Brady fragte: „What do we do about haters?“ antwortete der Ausnahmespieler: „We love them. Because we don‘t hate back.“ Dazu passend hat seine Frau, das brasilianische Supermodell Gisele Bündchen ein autobiographisches Buch mit ähnlichem Tenor geschrieben (meine Besprechung hier).


Ich hatte auf einen Wechsel zu den Bucs gehofft. Wer die Offence letzte Saison und das Potenzial der jungen Defence sowie die ordentliche Offensive line gesehen hat, kann das Potenzial in der neuen Saison mit Brady einschätzen (sollte gespielt werden). Mögen Brady und die Bucs Freude am Spiel haben haben! Brady wird Fun durch Erfolg anstreben. Möge Mahatma Gandhis Weisheit zutreffen: Wer den Weg der Wahrheit geht, stolpert nicht, und gewinnt den Super Bowl.



P.S. Mehr zum Tom Brady als antifragile Persönlichkeit in Freiheitsliebe oder hier auf FFG.

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